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Zur Ethymologie der Krankheitsnamen
In dieser kurzen Serie wenden wir uns mal einem ganz anderen Blickwinkel der Medizin zu – der (historischen) Namensgebung. Es ist nicht selten ein Schmunzeln oder erstauntes "Aha" wert, einmal innezuhalten im Durchpflügen von Anatomie und Pathophysiologie, sondern auch einmal der Ethymologie der Krankheitsnamen auf den Grund zu gehen.
Gelegentlich können alte Bezeichnungen auch als Lernbrücke sinnvolle Dienste tun. Natürlich werfe wir auch auf diesen Aspekt unseren Blick.
Das Thema ist zunächst abgeschlossen. Wer einen weiteren interessanten Kurzbeitrag hierzu parat hat, mag diesen gerne an unsere Website-Redaktion schicken !
Teil IV: Von Seefahrern und Heiligen...
Die Ethymologie der Krankheitsnamen ist sicher ein endlos interessantes Thema. Zunächst aber schließen wir die Serie ab mit ein paar schönen nochmaligen Einblicken ins Mittelalter:
Was wir heute mit „Chorea Huntington“ bezeichnen, firmierte früher als „Veitstanz“. Manch Quelle behauptet, dass der Märtyrer St. Veit der Heilige der Anfallsleidenden gewesen sei. Dazu ist er aber wohl erst geworden, nachdem er von seinen Widersachern (und damals war man ja alles andere als zimperlich) in Öl gekocht wurde. Seine in den letzten Lebensmomenten ob dieser Bedrängnis zuckenden Glieder und der anzunehmende unsägliche Schmerz in den Extremitäten wurden zum Sinnbild der Symptomatik, die der Epilepsiekranke dem Beobachter bot.
Übrigens hielten Heilige öfter ihren Namen auch für Krankheiten hin, wohl oft, weil sie selber betroffen waren: so der Hl. Andreas von der Gicht (Andreaskrankheit) oder der Hl. Antonius von der Mutterkornintoxikation (Antoni Rache/Antoniusfeuer).
Interessant auch der die Herkunft des Namens Skorbut. Die v.a. auf einen VitaminC-Mangel basierende Gewebsveränderung könnte ihren Namen gleich aus verschiedenen Gründen erhalten haben: auch wenn das vermeintliche Synonym Scharbock nicht sicher geklärt ist, so ist aber klar, dass das Scharbockskraut mit seinem hohem VitaminC-Gehalt einen Bezug zu dieser Krankheit hat. Anderen Quellen folgend geht der Skorbut auf das holländische „Scheurerbek“ zurück, was soviel wie „Wunder Mund“ bedeutet und somit auf eines der Symptome hinweist. Wer sich mit beiden ethymologischen Erklärungen noch nicht zufrieden gibt, kann noch tiefer in den ethymologischen Dschungel eintauchen und gelangt zum germanischen Skyrbjúgr. Wie immer der alte Germane das auch ausgesprochen haben mag, bedeutet es auf jeden Fall „Sauermilch / Quark“ – das, was die Seeleute als haltbares Lebensmittel auf lange Reisen mitnahmen, was sie aber nicht vor dem skorbuterzeugenden Vitaminmangel bewahrte. Dass Mangelerkrankungen immer mal wieder die Namen alter Seefahrervölker trugen, ist bekannt – da ist man mit der Rachitis zum Beispiel wieder bei den Engländern. Und am Anfang dieses Monatsthemas...
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Teil III: Alte Namen als Lernhilfe?!
Manch Lernende haben ja duchaus ihre Probleme mit dem Lateinischen und dem Griechischen, dessen sich die medizinische Nomenklatur so gerne bedient. Dass dieses (nicht zuletzt zur internationalen) Verständigungssicherheit beiträgt, habe ich schon angesprochen. Und dennoch sind die „alten Laienbezeichnungen“ oft interessant. Das bedeuet nun keineswegs, noch mehr lernen zu müssen oder gar einen Rückschritt zu machen. Vielmehr weisen die landläufigen Krankheitsbezeichnungen oft unübertroffen zielgenau auf die Krankheiten und vor allem ihre Leitsymtpome. Von daher liegt hier auch eine Lernhilfe verborgen, wenn der Fachterminus den Lernenden nicht zum Bild der Krankheit führt. Und das ist ja schon mal das Hinzunehmen eines Synonyms wert.
Ein paar Beispiele:
- Wanderröte: die alte Bezeichnung und gleichsam Übersetzung des Erythema migrans bei der Borreliose.
- Gürtelrose: die oft gürtelförmige Rötung beim Zoster, dessen Erythem sich über das Dermatom wie ein Gürtel ausbreitet (cave: daneben ist die Schulter gerne eine Lokaltisation des Herpes Zoster)
- Windpocken: die Pocken, die so dermaßen infektiös sind, dass der Wind die Krankheit schon um die Häuserecken fegt – die Betroffenheit anderer ist eine der wichtigsten Anamnesefragen neben der Inspektion!
- (Bauch)wassersucht: wer sich das merkt, dürfte auch den Fachbegriff nicht mehr fälschlich als „Aszitis“ in die Entzündungsschublade stecken
- Schüttellähmung: zeigt gleich zwei Leitsymptome des Parkinson auf – die Paresen und den Ruhetremor
- Roter Schlaganfall / Weißer Schlaganfall: diese landläufige Unterscheidung zeigt bildlichst, wie sich zwei Formen der Apoplexie unterscheiden: als hämorrhagischer oder ischämischer Insult !
- Knochenkrebs/Blutkrebs: macht klar, dass die Symptome der (myeloischen) Leukämie in Knochenproblemen und/oder einer gestörten Funktion der Blutzellen zu finden sind
- Halsbräune: weist deutlich auf ein Leitsymptom der Diphterie hin: die Blutungen der Belege, die sich dann bräunlich im Hals abzeichnen
- Gelbfieber: nichts ist klarer: der Patient mit „Ochropyra“(was kein Mensch sagt), bietet ein gelbliches Hautkolorit (Ikterus) und Fieber. Das weitere Synonym „Schwarzes Erbrechen“ deutet auf den Kaffeesatz hin, den der Patient aufgrund der Blutungsproblematik zeigt
- Studentenfieber, Kissing Desease: die Mononukleose bekommen natürlich nicht nur küssende Studenten, aber hier ist ein sehr deutlicher Fingerzeig auf die Altersgruppe und die Verbereitung gegeben
- Witwenbuckel: diese ältere Bezeichnung für die Osteoporose beschreibt wieder in erster Linie die Zielgruppe, bei der man an die Erkrankung denken muss: ältere Frauen, die ihren Mann schon überlebt haben - und bei denen die Erkrankung dann schon so weit fortgeschritten ist, dass sie sie gebeugt voranschreiten müssen
- Schwindsucht: deutet unumwunden auf die unaufhaltsame Auszehrung des (unbehandelten) Tuberkulosekranken (vgl. Teil II)
Manch Bezeichnungen sind gleichwohl in unserem Zusamenhang wieder kritisch:
- Die „vierte Geschlechtskrankheit“ ergab sich sozusagen schlicht aus einem „Ranking“, bei dem nach Lues, Gonorrhö und dem Weichen Schanker die Lymhgranuloma venera (oder L.inguinale) auf Platz 4 landete. Deutlicher ist da schon das alte Synonym „Tropischer Bubo“, das einerseits auf die häufige Herkunft (Tropen) hinweist, andererseits auch auf das Leitsymptom der geschwollenen Leistenlymphknoten (Bubonen) (vgl. auch Bubonenpest / Beulenpest)
- Den „Tennisarm“ werden heute wohl weniger gutbetuchte Freizeitsportler präsentieren als der Büromitarbeiter oder der jugendiche „Daddler“ (Spieler), deren Finger über nicht ergonomische PC-Tastaturen sausen.
- Mit Alkohol in Verbindung gebrachten Symptomen ist leider nicht immer eine glückliche Bezeichnung zugefallen: Die „Vagabundenhaut“ diffamiert den Obdachlosen als Säufer mit einer Hautatrophie bei Leberzirrhose, die „Säufernase“ (Rhinophym) bekommen Menschen mit hohem Alkoholabusus zwar eher, aber keineswegs ist hier der alleinige Grund zu suchen. Auch Herzveränderungen wie beim „Bierkutscherherz“ müssen keinswegs so engsichtig berufsbedingt sein.
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Übersicht
Teil I: Lues - die abgeschobene Plage
Teil II: Die Sucht hat nicht mit der Suche zu tun...
Teil III: Alte Namen als Lernhilfe?
Teil IV: Von Heiligen und Seefahrern
Teil I: Lues - die abgeschobene Plage

- Bekannte Dürer'sche Darstellung der Syphilis
Manchmal sagen alte Bezeichnungen mehr über das Wesen einer Erkrankung aus als das lateinische oder griechische Fachvokabular. Meist jedoch ist letzters eindeutiger – nicht zuletzt im internationalen Kontext. Denn gerade hier ist es fast schon lustig und eine historische Betrachtung wert, wie unterschiedlich verschiedene Länder eine Krankheit bezeichnen. Und dabei quasi nebenbei den geografischen Nachbarn verunglimpfen und veranworten für das, woran das eigene Volk leidet. Das beste Beispiel bietet hier die Syphilis (oder auch Lues).
Da Lues ja nicht nur eine fürwahr fürchterliche Erkrankung ist, sondern zudem noch mit dem zweifelhaften „Makel unsauberer Sexualität“ verknüpft ist, lastet auf dieser Krankheit ein schweres Image. Was tut man, um wenn nicht der Krankheit, so doch zumindest diesem Makel zu entgehen: Man schiebt’s auf andere. Die Geschichte lehrt das und es könnte fast schon witzig sein, wenn es damals nicht so sehr ernst gewesen wäre: Ende des 15.Jahrhunderts musste der französische König Karl VIII. einen Feldzug gegen Italien wegen der Seuche abbrechen. Lues als Friedensstifterin? Nö, im Gegenteil: das soldatische Mitbringsel nannte man draufhin in Frankreich „die italienische Krankheit“. Aber: In Deutschland heißts „die Französische Krankheit“, in Polen aber „die deutsche Krankheit“ oder auch international „German Desease“. Damit nicht genug: Lues war auch als „Spanische Krankheit“ Exportschlager der damals eroberungstüchtigen mediteranen Seefahrer.
Wohingegen die „englische Krankheit“ (neben Lues natürlich!) vornehmlich die Rachitis meint – waren die englischen Seefahrer weniger sexuell aktiv, dafür vitaminausgezehrt? Dazu später mehr.
Interessant aber: nicht nur der Syphilis-Makel wurde gerne den Eroberern oder Unterworfenen angedichtet, sondern ganz uneigennützig auch das Präventionsmittel - das Kondom heißt in Frankreich landläufig auch „Capot anglais“, in Deutschland aber „Pariser“ und auf dem englischen Eiland gelegentlich „FrenchCap“.
Und wieso heißt es dann heute „Syphilis“? Wohl wegen eines alten Gedichtes, in dem der Schafhirt Syphilus wegen Gotteslästerung mit einer neuen Krankheit (eben Lues) belegt wird. Und warum genau dieser Name? Vielleicht, weil das lateinische Syphilus nach dem altgriechischen Syphilos den Schweineliebhaber meint. Der mittelalterliche Dichter, gleichzeitig Arzt in Verona, war medizinisch damit natürlich auf dem gleichen Holzweg wie die, die anfangs dachten, HIV würde bei der körperlichen Liebe zwischen Mensch und Affen übertragen...
Teil II: Die Sucht hat nichts mit der Suche zu tun...

- C.W. Hufeland
Wir kennen als medizinisch interessierte Menschen etliche Süchte: die Bleichsucht (Anämie), die Fallsucht (Epilepsie), die Schwindsucht (Tbc), die Gelbsucht (Ikterus) , die Bauchwassersucht (Aszites)... auch wenn wir sie meistens mit Fachtermini benennen (für die germanophoben LeserInnen in Klammern dem Verständis zugeführt). Aber wie ist da die Brücke zu schlagen zu dem, was wir heute unter Sucht verstehen ? Um es gleich aufzudecken: mit Suchen hat das (im Gegensatz zu den Kundtuungen manch unwissender Drogenpräventisten) nichts zu tun. Vielmehr geht der Begriff „Sucht“ auf den Ursprung „Siechen“ zurück. In Holländer wird man das vielleicht noch am ehesten verstehen, heißen doch die Hospitäler dort immer noch „Ziekenhuis“. Und auch der Engländer kriegt mit geringner lingophiler Mühe den Dreh zum Wort „Sick“(=krank).
Wer über die Tuberkulose lernt, wird mit der „Schwindsucht“ durchaus auf einige wichtige Merkmale hingewiesen, zeigt doch auch der Tuberkulose-Kranke eine B-Symptomatik mit schleichendem Dahinsiechen bei ansonsten oft eher diffusem Erkrankungsbild – es sei denn, sie zeigt sich in verschärfter Form, der „galoppierenden“ Art, wie man vor rund 150 Jahren in diesem Fall noch zu sagen pflegte.
Aber zurück zur Sucht: es war kein geringerer als C.W. Hufeland, der mit einem späten wissenschaftlichen Beitrag zur Opiumsucht den vorher jahrhundertelang üblichen Sinn des alten Begriffs wegbahnend neu belegte. Seither ist damit nicht mehr die chronische Erkrankung, sondern die Abhängigkeit damit bezeichnet. Ob sein Patient Goethe den Anlass gab?
Denn eben, wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben!
Wer überwindet, der gewinnt! (Goethe)





